Die liebende Suche Gottes
Eine sehr persönliche Frage bewegt den Apostel Paulus, als er einen Brief an die Gemeinde in Rom schreibt. Er, selbst ein Jude, leidet darunter, dass sich sein Volk gegen Christus verschließt. Mit Staunen und Freude erfährt er, wie andere Völker, die Griechen, wie Menschen Nordafrikas und auch in Rom, diesen Christus als Herrn annehmen und sich um ihn als eine Gemeinde versammeln.
Unerwartete Bedeutung hat der jahrhunderte alte Römerbrief für unsere heutige Zeit. Überall sagen Menschen davon weiter, was Jesus für sie bedeutet. In allen Völkern bekennen Christen dankbar, dass Gott ihnen begegnete und eine lebendige Beziehung entstand zwischen seinem suchenden Wort und ihrem Dasein.
Offen bleibt, warum diese Menschen ergriffen werden und mit Gottes Führung in ihrem Leben rechnen, während direkt neben ihnen andere sich verschließen und einsam ihren Weg gehen. Offen bleibt auch die Frage: Was hat Gott mit mir vor? Gehöre ich zu denen, die etwas ahnen von dem geheimen Ratschluss des Herrn für dieses mein Leben und dafür dankbar sind, oder wandere ich in der Schar derer, die ohne ihn lebt und an der befreienden Botschaft Jesu Christi vorüber geht?
Ein Mann Nordafrikas, der Kirchenvater Augustin, hat hierüber nachgedacht, im Blick auf sein eigenes Leben. Das Geheimnis der Menschen suchenden Liebe Gottes hat er so in Worte gefasst: „Du würdest mich (Gott) nicht suchen, wenn ich dich nicht schon gefunden hätte.“
Oft ahnen wir nicht, dass Gott gerade dann etwas mit uns vorhat, wenn wir meinen, ganz ferne von ihm zu sein. Vor dem Portal des Baptisteriums in Florenz, der alten Taufkirche, stehen Menschen und betrachten Darstellungen aus der Geschichte des Glaubens (siehe Foto).

Beim Anschauen von Bildern, beim Lesen von Worten ereignet sich oft viel mehr im Menschen, als dass unsere Augen nur etwas Schönes sehen oder unsere etwas Wissenswertes hören. Wenn das Herz fragt, manchmal in innerer Unruhe und Angst, öffnen sich Bilder und Worte: Wir werden angerührt. Wir stehen nicht mehr draussen vor der Tür. Sie öffnet sich. Das Herz bleibt nicht verschlossen, es tut einen Schritt, vom Schauen zum Glauben.
„Gott, weil er groß ist, gibt am liebsten große Gaben. Ach, dass wir Armen, nur so kleine Herzen haben.“ Dies Wort alter Weisheit lebt aus der Nähe Gottes. Es deutet das gleiche Geheimnis der Liebe Gottes, die den Menschen sucht. Das Wort gilt auch heute für uns alle, an jedem Tag neu.
Gebet
Wie groß ist das Geheimnis, Gott, dass Du uns Menschen suchst und überall zusammenführst zu der Gemeinde Jesu Christi. Wie fern, o Gott, erscheint mir oft Deine Liebe. Ich weiß nur von meiner Einsamkeit. Dir danke ich, dass viele Menschen von Dir ergriffen wurden, durch Jesus Christus. Ich bitte Dich: Lass mich nicht allein auf meinem Lebensweg. Nimm mich an der Hand, weil Du auch mich suchst und mit mir redest, lass mich an Dich glauben, weil Du mich schon gefunden hast. Amen.
Der Apostel Paulus schreibt an die Christen in Rom:
„Meine Brüder und Schwestern, ich muss euch jetzt mit Gottes geheimnisvollem Plan bekannt machen. Wenn ihr euch auf eure eigene Klugheit verlasst, könnt ihr leicht zu falschen Schlüssen kommen. Gott hat verfügt, dass ein Großteil des jüdischen Volkes sich gegen die Einladung zum Glauben verhärtet. Aber das gilt nur so lange, bis alle, die er aus den anderen Völkern erwählt hat, den Weg zum Heil gefunden haben. Wenn das geschehen ist, dann wird das ganze Volk Israel gerettet werden, wie es in den Heiligen Schriften vorhergesagt ist: »Vom Zionsberg wird der Retter kommen und alle Auflehnung gegen Gott von den Nachkommen Jakobs nehmen. Dann werde ich ihnen ihre Verfehlungen vergeben, sagt Gott; und so erfüllt sich der Bund, den ich mit ihnen geschlossen habe.« Im Blick auf die Gute Nachricht gilt: Sie sind Gottes Feinde geworden, damit die Botschaft zu euch kommen konnte. Im Blick auf ihre Erwählung gilt: Sie bleiben die von Gott Geliebten, weil sie die Nachkommen der erwählten Väter sind. Denn Gott nimmt seine Gnadengeschenke nicht zurück, und eine einmal ausgesprochene Berufung widerruft er nicht. Ihr aus den anderen Völkern habt Gott früher nicht gehorcht; aber weil sie ungehorsam waren, hat Gott jetzt euch sein Erbarmen geschenkt. Genau entsprechend gehorchen sie Gott jetzt nicht, weil er euch sein Erbarmen schenken wollte; und so werden künftig auch sie Erbarmen finden. Gott hat alle ohne Ausnahme dem Ungehorsam ausgeliefert, weil er sich über alle erbarmen will.“ (Römer 11, 25-32)
Hans-Helmut Peters