Der Pilger-Wahnsinn
Der Berg Kailash in Tibet gilt den Buddhisten und Hindus als heiligster Berg der Welt. Ihm wird eine überaus große spirituelle Bedeutung zugesprochen und er ist jedes Jahr das Ziel mehrerer Zehntausend Pilger. Die Umrundung des Berges, so glaubt man, würde den Pilger der Erleuchtung näher bringen und Karma abbauen. Wer den Berg 108 Mal umrundet, und das sind immerhin pro Strecke 53 Kilometer, erlangt nach buddhistischer Lehre sogar die unmittelbare Erleuchtung.
Im Avatamsaka-Sutra, einer buddhistischen Schrift, heisst es: »Den großen Palast Tise (Kailash) einmal zu umwandeln, bereinigt die Verdunkelungen eines Lebens. Für jene, die das entsprechende Karma besitzen, ist er der Ort, an dem sie Erleuchtung erlangen.«
Die rituelle Umwanderung des Kailash, die Kora oder Parikrama genant wird, hat eine lange Tradition. Seit Jahrtausenden pilgern Gläubige, keine Mühsal scheuend, aus allen Himmelsrichtungen über verschneite, hohe Bergpässe oder zugige Hochebenen.
Am verdienstvollsten gilt es den Berg per Niederwerfen und wieder Erheben zu umrunden. Das funktioniert so, dass der Pilger sich komplett niederwirft, aufsteht, seine Körperlänge in Schritten vorwärts geht, sich erneut niederwirft usw. Natürlich kommt man auf diese Weise nur sehr langsam voran. Ziel ist es, den Berg mindestens drei Mal zu umkreisen. Die 108 Umrundungen, die zur unmittelbaren Erleuchtung führen sollen, werden von entschlossenen Gehern in 2-3 Jahren geschafft.
Als ich dazu kürzlich eine TV-Reportage sah, taten mir die Pilger wirklich leid. Man möchte ihnen zurufen: „Liebe Mitmenschen, all das ist nicht nötig. Ihr könnt euch Gott nicht durch eigene Anstrengung nähern. Gott ist nur ein Gebet weit entfernt. Durch den Glauben an Jesus Christus erlangt ihr Vergebung aller Schuld und vor allem das ewige Leben. Und das auf einen Schlag.“
Aber seien wir ehrlich: Diese Werkgerechtigkeit ist bei weitem nicht nur den Buddhisten zu Eigen. Auch im christlichen Glauben gibt es Exerzitien und religiöse Übungen. Das steckt irgendwie in uns Menschen drin: Alles muss man sich verdienen, alles hat seinen Preis. Und wenn mal was kostenlos ist, dann muss es einen Haken geben. Sicher ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man sich mal bewusst Zeit für Gott nimmt, in sich geht, in die Stille geht, sich im Gebet vertieft. Im Gegenteil, mit der rechten Herzenseinstellung wird das von Gott ganz bestimmt gesegnet. Nur wenn wir meinen, uns dadurch ein Stück vom ewigen Leben zu verdienen, oder erleuchtet zu werden oder durch Übungen Sündenvergebung zu erlangen, dann ist das zum Scheitern verurteilt, vergebliche Liebesmüh. Das ewige Leben ist ein Geschenk. Und es ist die reine Gnade Gottes, dass wir es erhalten dürfen. Es gibt dazu nur einen Weg: Jesus Christus. Auch nicht ein einziger Meter um den Kailash Berg verschafft uns irgend einen Vorteil bei Gott, genauso wenig jede religiöse Übung, die rein mechanisch abläuft.
"Denn nur durch seine unverdiente Güte seid ihr vom Tod errettet worden. Ihr habt sie erfahren, weil ihr an Jesus Christus glaubt. Dies alles ist ein Geschenk Gottes und nicht euer eigenes Werk. Durch eigene Leistungen kann man bei Gott nichts erreichen. Deshalb kann sich niemand etwas auf seine guten Taten einbilden." (Epheser 2,8-9)
Lasst uns beten für die Menschen, die ihre sinnlosen Runden um den Kailash drehen. Vielleicht begegnet ihnen auf der Pilgerreise der lebendige Gott, dann hätte das Ganze doch noch etwas für sich.
Eckart Haase