Potschochters
Loblied
„Alle Welt soll dich anbeten, alle sollen dir
singen, dich mit ihren Liedern preisen!“

Eines Vormittags,
Potschochter kam gerade vom Einkaufen zurück, als sein Blick auf den prächtigen
Dom fiel, an dem er sonst immer nur vorbeigelaufen war
„Ich habe noch ein wenig
Zeit. Heute werde ich einfach wieder mal in die Kirche hineingehen“, beschloss
er und stapfte zögernd durch die große Eingangstür.
Als er da so unter dem
hohen Türbogen stand, kam er sich so klein vor.
Endlich kam Potschochter
in das Innere des Domes. So viele wunderbare Bilder hingen dort. Eines größer
als das andere.
Auch die Figuren, aus
Stein gehauen, beeindruckten den kleinen Kerl sehr.
Auf den Bänken fand er
roten Filz vor, der die ehrenwerten Hinterteile der Menschen etwas wärmen
sollte.
So nahm auch Potschochter
auf einer der Bänke Platz.
Als er seine
Einkaufstasche neben sich auf die Bank gestellt hatte, griff er nach dem Buch,
das vor ihm lag. Es war ein Gesangsbuch.
Plötzlich erinnerte er
sich wieder an seine Schulzeit.
„Ja, genau diese Bücher
hatte ich auch.“
Behände blätterte der
Wicht durch die Seiten und fand endlich sein Lieblingslied.
Potschochter sah sich
natürlich um, und bemerkte, dass er ganz alleine in der riesengroßen Kirche
saß.
Er fasste sich ein Herz
und intonierte: „Großer Gott, wir loben dich, Herr wir preisen Deine Stärke.“
Potschochter spürte, wie
ihm plötzlich ein Schauer über den Rücken lief.
So laut hatte er sich
noch nie zu singen getraut. Wusste er doch, dass er keinen einzigen Ton richtig
traf, geschweige denn, ihn auch halten konnte.
Trotzdem machte ihm das
Singen derart Spaß, dass er ein Lied nach dem anderen trällerte.
Potschochter fühlte sich
so frei.
„Danke für diesen
wunderbaren Gesang“, erklang eine Stimme tief drinnen in dem Sänger.
Mit einem Mal verstummte
Potschochter und wurde von einer tiefen Traurigkeit ergriffen. Er erinnerte
sich nämlich daran, dass er ja jetzt in Gottes Haus war, und Gott ihn ja auch
hören konnte. Nun begann er sich sehr zu schämen, weil er ja so falsch gesungen
hatte.
Außerdem würde er so
gerne einmal draußen im Wald singen, und auch dort das Gefühl haben, dass Gott
ihm nahe sei.
„Lieber Gott, warum hast
du Stubenarrest?“, dachte Potschochter.
„Wie kommst denn drauf?“,
fragte eine innere Stimme.
„Na ja, weil unser Lehrer
immer sagte, dass man Gott in der Kirche suchen soll“, erklärte Potschochter.
„Ja, ja. Diesen Fehler
machen viele!“, seufzte die Stimme tief drinnen in Potschochter.
„Ich will dir das einmal
erklären. Natürlich bin ich nicht in diesem Haus hier gefangen. Ich bin
überall. Aber für die Menschen ist es leichter, sich auf mich zu konzentrieren,
wenn sie keine Ablenkung mehr haben. Also hat man so viele Kirchen gebaut. Aber
leider kommen immer weniger Leute hier herein. Da wird es dann ganz schön
kalt.“
„So ist das? Jetzt bin
ich aber froh, dass du nicht hier in diesem Haus eingesperrt bist.
Ach ja, und tut mir leid,
dass du mein Gejohle ertragen musstest.“, entschuldigte sich Potschochter für
seinen Gesang.
„Was heißt hier Gejohle.
Mein liebes Kind, hör mir gut zu. Ich habe nichts von einem Lied, das zwar klar
und rein intoniert wurde, wo aber das Herz nicht mitgesungen hat. Du, lieber
Potschochter, hast mir ein wunderbares Lied gesungen, nämlich das Lied Deines
Herzens und deiner Seele. Und genau das ist es was ich bei den Menschen klingen
hören will.“
„Dann darf ich also
wieder singen?“, fragte Potschochter schüchtern
„Ich bitte darum“,
lächelte die Stimme aus Potschochters Herzen.
© Diane Legenstein, 2007
|