Das Gleichnis vom automatischen Wachstum
In den Evangelien finden wir ja viele Gleichnisse. Ich habe mal gezählt und mit 29 Stück liegt das Lukasevangelium ganz vorne. Dicht dahinter mit 23 Gleichnissen folgt Matthäus. Auf 8 Stück bringt es das Markusevangelium - klar, das ist ja auch insgesamt der kürzeste und kompakteste Bericht über das Leben und Wirken Jesu.
Natürlich sind viele Gleichnisse doppelt oder dreifach, sind also in zwei oder drei Evangelien enthalten, jeweils aus der einzigartigen Sichtweise des jeweiligen Schreibers. Und bei den 8 Gleichnissen, von denen Markus uns berichtet, sind auch alle bei Matthäus und Lukas zu finden - fast alle. Ein Gleichnis hat uns tatsächlich exclusiv Markus aufgeschrieben und sonst niemand, es ist das Gleichnis vom automatischen Wachstum oder von der selbstwachsenden Saat:
"Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch den Samen auf das Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag, und der Same sprießt hervor und wächst, er weiß selbst nicht wie. Die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst Gras, dann eine Ähre, dann vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht es zulässt, so schickt er sogleich die Sichel, denn die Ernte ist da" (Markus 4, 26-29)
Typisch für Markus ist das erstmal ein sehr kurzes Gleichnis. Und wie alle Gleichnisse, die der Herr Jesus uns erzählt ist es sehr lebensnah. Denn jeder Landwirt wird bestätigen können, dass er zwar den Samen aussät und hinterher die Ernte einfährt, das Wachstum selber aber nicht in der Hand hat. Das Gleichnis zeigt auch den natürlichen Gang der Dinge: Alles fängt klein an und wird dann größer, erst Gras, dann eine Ähre, dann voller Weizen und dann die erntereife Frucht.
Das ist ja bei der Evangelisation nicht anders. Wir können das Wort Gottes streuen, es verbreiten, es weitererzählen, aber das Wachstum regelt allein Gott. Wenn ein Mensch schon vorbereitet wurde und kurz vor der Bekehrung steht, dann haben wir vielleicht das große Glück, nur noch den Sack zumachen zu müssen. Die Ernte dürfen wir dann gleich mit einfahren. Das ist aber nicht die Regel. Zumeist sähen wir nur, ernten aber nicht sofort. Das kann ja auch nicht gehen, ernten können wir nur die reifen Früchte. Die Evangelisation braucht daher vor allem Geduld. Und nicht der ist allein ein Evangelist, der vor großen Menschenmassen predigt, sondern jeder, der den Samen aussäht. Das Evangelium hat sich damals vor 2000 Jahren auch nicht ausgebreitet, weil große Reden in großen Stadien geschwungen wurden, sondern weil die Jünger sich über das ganze Land zerstreuten und die frohe Botschaft Stück für Stück unter das Volk brachten. Das war oft mühselige Kleinstarbeit. Aber sie hat sich gelohnt, denn Gott segnet solche Arbeit. Wie der Landwirt mit seinem Acker, darf auch jedes Kind Gottes, das sich an der Saat beteiligt, auch irgendwann einmal die Früchte seiner Arbeit sehen und bestaunen und vor allem ernten. Das ist eine Wahrheit, die jeder bestätigen kann, der den Samen aussät. Es kommt immer der Zeitpunkt, an dem Gott die geduldige Arbeit belohnt.
Eigentlich ist das auch sehr gut so. Es ist doch beruhigend zu wissen, dass da jemand im Hintergrund den schwierigsten Part übernimmt. Wachstum könnten wir sowieso nicht selbst produzieren. Wir können uns also auf das Säen und Ernten beschränken und lassen Gott das tun, was dazwischen liegt. Das nimmt uns auch eine große Portion an Verantwortung. Wir sind nicht diejenigen, die andere bekehren können. Wir können nur Vorbereitungen dazu treffen. Und wir können den Sack aufhalten, wenn Gott bei jemandem den entscheidenden Schalter im Herzen gedrückt hat und jemand zu Jesus kommen möchte. Das sind dann zugegeben die schönsten Momente. Aber die meiste Zeit gilt es zu säen und zu säen und zu säen.....
Eckart Haase