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Andacht vom 31. Januar 2008.

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Jesus am Kreuz




Bevor Jesus ans Kreuz genagelt wurde, musste Er schon sehr viel ertragen: Judas, den Er noch am Ölberg einen Freund trotz des Verrates nannte, hatte Ihn, den Unschuldigen, für dreissig Silberlinge ans Messer geliefert. Davor hatte Er - Jesus - Todesangst ausgestanden und förmlich Blut und Wasser geschwitzt. Er wurde verhört, verspottet, den Kleidern beraubt, geschlagen, ausgepeitscht, angespuckt, gedemütigt. Das schwere Kreuz trug Er dann nach Golgatha, geschwächt von der Folter. Und Er hatte miterlebt, wie Petrus, ebenfalls einer Seiner engsten Vertrauten, dreimal verraten hatte, bevor der Hahn krähte. All das verletzt tief. Eigentlich mehr tot als lebendig wurde Jesus ans Kreuz gehängt.

Er war und ist unschuldig; es ist im Grunde der grösste Justizirrtum und der grösste Justizskandal der Weltgeschichte. Jesus ging ans Kreuz, um die Menschen zu erlösen: Er nimmt diesen Tod auf sich, für Dich, für mich, für uns, für alle Menschen, auch wenn Er Grund genug gehabt hätte, dies nicht zu tun. Unschuldig erleidet Er den elendsten aller Tode. Der Tod am Kreuz ist nicht allein der Qualvollste, es ist auch eine ausserordentliche Demütigung: Kein römischer Staatsbürger durfte gekreuzigt werden, und von den Nichtrömern erleiden ausschliesslich diejenigen diese Strafe, die als Schwerstverbrecher gelten; selbst unter den Kriminellen sind sie nichts weiter als Abschaum.

Jesus müsste eigentlich wütend sein oder resigniert. Für Ihn müssten sie alle unten durch sein. Seine Jünger haben ihn verlassen, sind weg gelaufen. Sie haben nicht einmal am Ölberg mit Ihm während Seiner letzten Stunden gewacht. Doch Jesus weiss, dass Er als Erlöser diese Strafe auf sich nehmen muss, um die Menschen zu retten. Er hängt am Kreuz, damit Vergebung möglich ist.

"Jesus sagte: 'Vater, vergib ihnen! Sie wissen nicht, was sie tun."
(Lukas 23:34)

Vergebung im Angesicht Seines qualvollen Sterbens, trotz des Verrates durch Judas, trotz des feigen Verleunens des Petrus, trotz der Flucht Seiner Jünger, trotz der Demütigungen und der Qualen zuvor! Welch eine Grösse! Welche Liebe! Er bittet für Seine Feinde und zeigt, dass die von Ihm gelehrte Feindesliebe nicht nur ein Lippenbekenntnis und mehr als Moralphilosophie ist!

Es ist unsere Entscheidung, Seine Vergebung, Seine Erlösungstat anzunehmen. Das erfahren auch die Verbrecher am Kreuz.

"Einer der Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt worden waren, beschimpfte ihn: 'Bist du denn nicht der versprochene Retter? Dann hilf dir selbst und uns!' Aber der andere wies ihn zurecht udn sagte: 'Nimmst du Gott immer noch nicht ernst? Du bist doch genauso zum Tod verurteilt wie er, aber du bist es mit Recht. Wir beide leiden hier die Strafe, die wir verdient haben. Aber der da hat nichts Unrechtes getan!' Und zu Jesus sagte er: 'Denk an mich, Jesus, wenn du deine Herrschaft antrittst!' Jesus antwortete ihm: 'Ich versicehre dir, du wirst noch heute mit mir im Paradiese sein!'"
(Lukas 23:39-43).

Selbst noch in unserem Sterben können wir zu Ihm kommen und Vergebung erhalten für alles, was wir falsch gemacht haben. Jesus schenkte im Angesicht des eigenen Sterbens am Kreuz noch Vergebung; deshalb gibt es keinen unpassenden Augenblick, zu Ihm zu kommen. Nein, Er ist immer für uns da, Tag für Tag, Stunde um Stunde, selbst im geringsten Bruchteil einer Sekunde. Er hat immer Zeit. Er wendet sich immer zu. Jesus ist der gute Hirte, der voller Fürsorge ist. Das erkennt man schon daran, dass Er sich im Sterben auch um Seine Mutter sorgt.

"Nahe bei dem Kreuz, an dem Jesus hing, standen seine Mutter und deren Schwester sowie Maria, die Frau von Klopas, und Maria aus Magdala. Jesus sah seine Mutter dort stehen und neben ihr den Jünger, den er besonders lieb hatte. Da sagte er zu seiner Mutter: 'Frau, er ist jetzt dein Sohn!' Und zu dem Jünger sagte er: 'Sie ist jetzt deine Mutter!' Von da an nahm der Jünger sie bei sich auf."
(Johannes 19:25-27).

Vielleicht überlesen wir diese Worte, vielleicht kennen wir ihre Bedeutung nicht, doch wir müssen sie im Gesamtkontext des geschichtlichen Hintergrundes sehen: Damals gab es keine Witwenrenten, keine Sozialhilfe, keine staatliche Fürsorge oder karitative Einrichtungen wie heute, und für Frauen war es damals unmöglich, eine Lohnarbeit anzunehmen. Wenn eine Witwe keine männlichen Verwandten wie einen Sohn hatte, der sie versorgte, war sie auf Almosen angewiesen. Jesus weiss dies. Deshalb sorgt Er dafür, dass Seine Mutter einen Ernährer hat. Er gibt sie in sichere, fürsorgliche Hände. Im Sterben kümmert sich Jesus noch um das Wohl Seiner Mutter.

Das ist es auch, was Jesus will: Dass wir alles haben, was wir brauchen, dass es uns gut geht, dass wir stark sind. Unsere Sorgen können wir auf Ihn werfen, unsere Schuld, alles, was uns belastet. Was Er in die Hand nimmt, funktioniert.

Er schaut uns in jeder Situation liebevoll an. Er möchte unsere Not stillen und auch, dass wir unsere Sorgen bei Ihm abgeben. Er hat alles getan, was zu tun ist. Unter Seinem Blut sind wir gereinigt. Unter Seinem Schutz können wir mutig voran gehen.

Doch kann Jesus mich auch verstehen, wenn wir uns von Gott verlassen fühlen? Schliesslich ist Er Gottes eingeborener Sohn, ja, Er ist Gott selbst. Aber Er ist nicht beleidigt, nicht eingeschnappt, wenn wir uns von Gott verlassen fühlen. Er selbst kennt dieses Gefühl. Er selbst kennt diese Einsamkeit. Als alle Sünde, alle Schuld dieser Welt auf Ihm lag, war Er selbst vom Vater verlassen.

"Gegen drei Uhr schrie Jesus: 'Eli, Eli, lema sabachthani!' - das heißt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!'"
(Matthäus 27:46).

Verlassen in der Todesstunde, einsam und qualvoll sterbend: Jesus war wirklich von Gott verlassen. Deshalb versteht Er dieses Gefühl. Und Er sagt: "Ich bin bei Dir!" Und: "Ich habe den Weg frei gemacht zum Vater!"

"Da zerriss der vorhang zum Allerheiligsten im Tempel von oben bis unten."
(Matthäus 27:51)

Der Vorhang ist zerrissen, jener Vorhang, der das Allerheiligste vom Tempel abtrennte und das nur Priester betreten durften, wenn sie sich selbst durch ein Brandopfer entsühnt hatten. Aber Jesus hat nun das Opfer gebracht, das ewig gültig ist. DerVorhang zerriss von oben nach unten in seiner Gänze. Damit ist der Weg frei zu Gott, dem Vater. Wir können direkt zu Gott kommen, ohne Umwege. Wir brauchen dafür nicht die Fürsprache von Geistlichen, von Priestern, auch nicht von Heiligen oder gar den Zuspruch Mariens. Der Schleier ist zerrissen, der Weg zu Gott ist frei, und dies ohne jeden Umweg! Wir dürfen direkt zu Gott kommen: Gott ist unser Vater. Oft ist Er ein sehr strenger Vater, aber stets ein fürsorglicher und liebender: Er tut nur das, was gut ist für uns, was uns weiterbringt. Er möchte, dass wir mit Ihm reden, unseren Kummer, unsere Sorgen und unsere Freuden zu Ihm bringen. Wie ein kleines Kind zu Seinem Vater kommt, wenn ein Spielzeug kaputt ist oder wenn es nicht weiter weiß, dürfen wir zu Gott kommen, Seinen Rat in Anspruch nehmen und Ihm das Abgeben, was kaputt ist, auch wenn wir es selbst verschuldet haben.

"Jesus nahm davon und sagte: 'Jetzt ist alles vollendet.' Dann liess er den Kopf sinken und gab sein Leben in die Hände des Vaters zurück.'"
(Johannes 19:30).

"... und Jesus rief laut: 'Vater, ich gebe mein Leben in deine Hände!' Mit diesen Worten starb er."
(Lukas 23:46)

Jesus hat mit Seinem Kreuzestod alles vollendet: Wir müssen keine Opfer bringen, keine Ablassbriefe kaufen, keine Messen bestellen, keine Kerzen aufstellen. Jesus hat es vollendet. Wir müssen Seine Erlösungstat nur ehrlcihen Herzens annehmen, unser Leben in Seine Hände, in die Hände des Vaters legen. Dann entsteht eine Beziehung. Es wird eine innige Beziehung, eine Vater-Kind-Beziehung, die von Liebe und Vertrauen getragen wird.

Ich selbst habe mein Leben in Seiner Hand gelegt. Wie ein kleiner Junger seinem Vater vertraut, so vertraue ich Gott. Wenn Gott mir etwas sagt, dann weiss ich: Er hat recht. Und ich weiss, dass das, was Er mir verordnet, was Er mir aufträgt, richtig ist. Ich vertraue Ihm. Er weiss es und nicht ich. Deshalb folge ich Seinem Wort, wenn auch leider unzureichend.

Ich schaue auf Jesus: Sein Verhalten am Kreuz ist geprägt von Fürsorge, von Vergebung, von Liebe, selbst den Feinden gegenüber. Ich verneige mcih vor Ihm. Ich vertraue mich Ihm an. Ich habe mich Ihm ausgeliefert. Dadurch bin ich frei. Für jeden ist diese Freiheit da.

Mit den besten Segenswünschen

Euer
Markus Kenn


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